Sprache: DE EN

 

Österreichs Konsumenten verursachen deutlich mehr Treibhausgase als bisher angenommen. Daher fordern Wirtschaftsvertreter eine Reindustrialisierung des Landes.

 

Wien. Erdbeben, Orkane, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen: Der Klimawandel gehört zu den großen globalen Herausforderungen unserer Zeit. Viele Staaten haben sich zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Doch die Messungen sind oft unzureichend. Derzeit ist es üblich, dass die Emissionen nach einem territorialen Ansatz erhoben werden. Demnach kommt Österreich auf einen jährlichen Ausstoß von rund 80 Millionen Tonnen CO2. Dieser Berechnungsansatz ist allerdings umstritten. Denn die nationale Inventur beschränkt sich auf die nationale Produktion innerhalb der Grenzen eines Landes. Doch Österreichs Wirtschaft ist international vernetzt. Die Auswirkungen der Treibstoffemissionen, die durch den internationalen Handel (Importe und Exporte) entstehen, werden bei einer nationalen Betrachtungsweise nicht berücksichtigt.

 

Daher hat ein Konsortium in den vergangenen drei Jahren an einer Studie über eine produktions- und konsumbasierte Klimabilanz gearbeitet. Dem Konsortium gehörten das Institut für Industrielle Ökologie, die Forschungsgesellschaft Joanneum Research in Graz und die Bundessparte der Industrie in der Wirtschaftskammer an. Die am Mittwoch veröffentlichten Ergebnisse sind überraschend. Denn bei einer konsumbasierten Berechnung steigen die von den Österreichern verursachten Treibstoffemissionen in etwa um 60 Prozent.

 

Schließlich müssen zur bisherigen nationalen Bilanz von 80 Millionen Tonnen CO2 noch 120 Millionen Tonnen durch den Import hinzugerechnet werden. Anschließend sind 70 Millionen Tonnen, die durch den Export von österreichischen Produkten entstanden sind, abzuziehen. Somit ergibt sich bei der neuen Klimabilanz ein CO2-Ausstoß von 130 Millionen Tonnen.

 

Für die Studie wurden für 1000 Produktgruppen, die in Österreich konsumiert werden, die Emissionen bei der Herstellung und Verwendung ermittelt, wobei der technologische Stand für die jeweiligen Herstellländer berücksichtigt wurde. Werden beispielsweise Kleidungsstücke in China produziert und in Österreich verkauft, sind in einer solchen Bilanz die in China angefallenen Emissionen zu beachten. Auf der anderen Seite werden in Österreich viele Güter und Waren für den Export hergestellt. Die dahinterstehenden Emissionen wurden ebenfalls ermittelt und in der Bilanz abgezogen.

 

Die Studienautoren und Vertreter der österreichischen Wirtschaft fordern, dass künftig nicht nur der bisherige nationale Berechnungsansatz, sondern auch die konsumbasierte Klimabilanz herangezogen wird. Schließlich achten die meisten Konsumenten nicht auf die Belastungen, die durch die im Ausland hergestellten Produkte entstehen. Für die Wirtschaftskammer ist die Studie ein Anlass, um eine Stärkung des Wirtschaftsstandortes Österreich zu fördern.

 

Sauberer als die Konkurrenz

 

Es bringe wenig, „Emissionen dorthin zu verschieben, wo sie nicht mehr zu sehen sind“, sagt Robert Schmid, Umwelt- und Energiesprecher der Bundessparte Industrie in der Wirtschaftskammer Österreich. Die Studie zeige, dass die österreichische Industrie sauberer produziere als die ausländische Konkurrenz.

 

Wenn für die Herstellung eines Produkts in Europa ein Kilogramm CO2 ausgestoßen werde, seien es laut Schmid in Südostasien fünf bis sieben Kilogramm. „Es ist wohl das Naheliegendste, dass die Politik alles für eine starke heimische Produktion mit hoher Wertschöpfung und viel Beschäftigung tut“, sagt Schmid, der auch Geschäftsführer der Baumit-Gruppe ist. Die künftige Regierung soll sich für eine Reindustrialisierung einsetzen. Dazu seien „ökonomisch vernünftige Rahmenbedingungen“ und weniger „Abwehrmaßnahmen ökologischer Fundamentalisten“ notwendig. „Der Industrie geht die Luft aus“, warnt WKO-Experte Stephan Schwarzer.

 

Er befürchtet unter anderem, dass die in der EU bevorstehenden Beschlüsse zum Handel mit Verschmutzungsrechten zu einer Verknappung der CO2-Zertifikate führen werden. Das Ganze sei „getrieben durch die Strombranche“. Mit der künstlichen Verknappung droht ein Preisanstieg der CO2-Zertifikate, was für die Industrie problematisch ist.

 


Zurück zur News-Übersicht