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Der Umsatz der Wiener Börse lag im Mai bei etwa 7,5 Milliarden Euro. Das ist zwar doppelt so hoch wie ein Jahr davor, insgesamt aber eine beschämende Zahl. Dabei gibt es Studien, dass Länder bessere Wachstumsraten vorweisen, die - im Vergleich zur Wirtschaftsleistung - auch einen hohen Börsenumsatz haben. Darauf wies der Ökonom Christian Helmenstein (heute bei der Industriellenvereinigung) schon 2004 hin.

 

Österreich hinkt den anderen Industrienationen in dieser Messgröße bis heute gewaltig hinterher. Und es scheint auch so zu sein, dass sowohl die Politik als auch die Unternehmen die Börse als Kapital-Lieferant quasi aufgegeben haben. Niemand spricht besonders laut von der Wiener Börse, nicht einmal die Neos. Und Paradeunternehmen wie Miba gehen lieber von der Börse weg, als den Streubesitz zu erhöhen. Und die Bawag/PSK schielt bei ihren Börseplänen nach Frankfurt, obwohl deren Basis die beträchtlichen Spareinlagen österreichischen Kunden sind und das Bankgeschäft mit der Republik.

 

Nun waren die Österreicher nie ein Volk von Aktionären, eher von Bausparern. Und doch wäre es wichtig, sich an Unternehmen zu beteiligen. Erstens steigt damit das Wirtschaftsinteresse in der Bevölkerung, zweitens tut es den Unternehmen gut, sich vor einem Börsepublikum rechtfertigen zu müssen. Umso mehr, als die Regulierungsvorschriften für die Banken es quasi ausschließen oder zu teuer machen, Kredite in wirklich bedeutendem Ausmaß zu vergeben.

 

Größere Unternehmen müssen künftig, wenn sie wachsen wollen, verstärkt den Kapitalmarkt anzapfen. Das übliche Instrument dafür sind derzeit Anleihen, die ebenfalls notieren und mit Publizitätsvorschriften versehen sind - aber die ermöglichen kein Stimmrecht. Die Wiener Börse müsste ihren Umsatz mehr als verdreifachen, um auf das Niveau der heimischen Wirtschaftsleistung zu kommen.

 

Dem Wirtschaftswachstum würde das guttun, auch die Berichterstattung über heimische Unternehmen in den Medien würde intensiver. Und der Mix an notierten Unternehmen wäre ein ausgewogener. Obwohl der Tourismus für Österreich sehr wichtig ist, spielt dieser Bereich an der Börse so gut wie keine Rolle. Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe für die Wirtschaftspolitik, die Börse stärker zu beachten. Bisher ist davon wenig zu sehen, aber bis 15. Oktober ist ja noch Zeit.

 

Von Reinhard Göweil          www.wienerzeitung.at


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