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Immer mehr Gäste, um die Nächtigungen zu halten. Diese „Erfolgsgeschichte“ des Tiroler Tourismus stößt auf immer mehr Widerstand. Die Tourismusgesinnung der Einheimischen steht auf dem Prüfstand.

 

Innsbruck – Wie halten es die Tiroler mit dem Tourismus? Diese Gretchenfrage treibt die Branche und Experten um. Das Nein zu einer möglichen Bewerbung Tirols für Olympische Winterspiele, von der Landes- und Innsbrucker Stadtpolitik herbeigesehnt, von den Tirolern in den Ballungsräumen in die Wüste geschickt, hat ein Murren in der Branche erzeugt. Die Tourismusgesinnung vor allem der Städter lasse zu wünschen übrig. Es brauche mehr Bewusstseinsbildung, um die Einheimischen stärker für den Tourismus zu begeistern, lautete eine politische Schlussfolgerung.

 

Die Botschaften, mit der der Tiroler Tourismus zuletzt Schlagzeilen machte, gingen allerdings eher nach hinten los. Sie ärgerten Landeshauptmann und Tourismusreferenten Günther Platter ebenso wie viele Einheimische: Die Kitzbüheler Bergbahnen räumten ihr Schneedepot und bastelten im Oktober eine Skipiste, bei 20 Grad. Die Leutascher machten dasselbe für Langläufer, die Pitztaler Bergbahnen baggerten einen breiteren Skiweg am Gletscher, ohne Genehmigung. Die Patscherkofelbahn verschlang weit mehr Millionen als angenommen und wird vom Wind verblasen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

 

Die Tiroler würden den Tourismus als solches nicht in Frage stellen, meint Mike Peters vom Institut für Strategisches Management, Marketing und Tourismus an der Universität Innsbruck, wohl aber dessen Ausgestaltung. Bei den Locals, also den Einheimischen, herrsche das Gefühl vor, „dass es reicht“. Streitereien zwischen Seilbahnern und Politikern, vom Brückenschlag über die Kalkkögel bis zum Pitztaler Gletscher, seien abträglich und zu polarisierend, meint Peters. „Wenn jemand gegen neue Lifte ist, ist er in Tirol gleich ein Grüner.“

 

Der Tourismus werde von der Bevölkerung stärker hinterfragt. „Man kann nicht mehr nur neue Rekordzahlen bei Übernachtungen und Ankünften verkünden, sondern muss in Qualität investieren.“ Gute Gäste sollen länger bleiben und mehr ausgeben.

 

Zudem komme, dass sich das Konsumverhalten sehr stark geändert habe. „Der neue Konsument denkt nachhaltig und nimmt sich selbst sehr wichtig. Das Profitdenken, vor allem bei den Jungen, steht nicht mehr so sehr im Vordergrund.“ Junge Leute seien kritisch. Sie würden nicht alles essen und auch nicht mehr alle Events konsumieren. Von Mega-Events à la Olympische Spiele rät Peters derzeit ab. Sie würden zu starke Reibungsverluste mit der Bevölkerung bringen.

 

Die Ablehnung der Bewerbung wertet Mike Peters weniger als Abrechnung mit dem Tourismus, sondern mehr mit der Glaubwürdigkeit internationaler Sportorganisationen wie FIFA oder IOC. „Viele haben hier an Glaubwürdigkeit verloren und ihnen wird auch nicht zugetraut, nachhaltige Spiele initiieren zu können.“ Mittlere Events, wie die Rad-WM oder jene in Seefeld, hält Peters für optimal, „wenn sie zu Tirol passen“.

 

Was der Professor bemängelt, ist die schwache Datenlage zur Tourismusgesinnung. Ohne Grundlage könne man jedoch keine Strategien entwickeln. Und die brauche es dringend. „In Venedig hat man das verschlafen. Jetzt sind in den vergangenen zehn Jahren über 10.000 Menschen abgewandert und die anderen gehen auf die Straße, um gegen den Massentourismus zu protestieren.“ An seinem Institut lässt Peters nun telefonische Befragungen in Tirols Tourismusregionen durchführen. „Die Leute sollen in schwachen, mittleren und tourismusintensiven Regionen sagen, wie sich der Tourismus auf ihre Lebensqualität auswirkt.“

 

Diese Fragen hat Lukas Krösslhuber, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Wilder Kaiser, bereits stellen lassen. Seit 2017 läuft das Projekt „Lebensqualität am Wilden Kaiser“. In einer Dialogphase zwischen Bevölkerung, Touristikern und Gemeindepolitikern hat man sich ausgetauscht. „Es ist erstaunlich, dass selbst in einer sehr kleinen Gemeinde wie Söll mit 3000 Einwohnern, wo jeder jeden kennt, es doch noch so viele Missverständnisse zwischen Einheimischen und Touristikern gibt“, sagt Krösslhuber. Der Beteiligungsprozess sei sehr gut angekommen. „Die Leute wollen gehört werden.“

 

Krösslhuber geht es darum, mit der Gemeinde eine Leitlinie auszuarbeiten. „Eine reine Wachstumsstrategie wird es nicht sein. Es braucht eine Idee, welcher Tourismus allen nützt.“ Der Hauptgrund für den Beteiligungsprozess ist für Krösslhuber das Ansteigen der Gästezahlen. „Seit 2013 hat der Sommertourismus um 27 Prozent zugenommen.“ Ein gutes Geschäft, das auch internationale Hotelketten anklopfen lasse. „Und die wird wohl keiner wollen“, hofft Krösslhuber.

 

Einheimischer Hotelier, ÖVP-Landtagsabgeordneter und Obmann der Fachgruppe Hotellerie in der Wirtschaftskammer ist Mario Gerber. Was die Tourismusgesinnung angeht, hört er die „Alarmglocken schrillen“. Die Tiroler seien viel kritischer geworden. Bilder wie jene aus Kitzbühel, der Leutasch oder vom Pitztaler Gletscher hält Gerber für „einen Fehler“. Dadurch würden nur Vorurteile bestätigt. Der Hotelier ortet „Warnsignale“ aus der Bevölkerung, „die muss man sich anhören und ernst nehmen“. Probleme dürften nicht mehr totgeschwiegen werden.

 

Gerber fordert einen Bettenstopp, will Leitbetriebe wie Bergbahnen und Hoteliers sensibilisieren, damit keine falschen Botschaften oder Bilder versendet würden. Es brauche eine Strategie im Tourismus. „Man muss sich auch festlegen, ob man beispielsweise in China wirbt oder nicht.“ Mehr Werbung wünscht sich Gerber auf jeden Fall in Tirol von der Tirol Werbung. „Hier haben wir noch Nachholbedarf.“

 

Seit vielen Jahren gebe es Marketingaktionen, um den Tirolern touristische Infrastruktur vorzustellen, erklärt der Pressesprecher der Tirol Werbung, Florian Neuner. „Wir haben Aufholbedarf, zu erklären, welchen Nutzen die Tiroler vom Tourismus haben. Das Bewusstsein für den Tourismus ist da“, meint der Tirol-Werber.

 

Von Anita Heubacher                www.tt.com

 

 


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