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Vor zwei Monaten spielten die Ölmärkte verrückt: Der wichtigste Futures-Contrakt CLc1, der seit seiner Einführung im Jahr 1983 nie unter die 10-Dollar-Marke gerutscht war, stürzte auf minus 38 Dollar pro Fass (159 Liter) ab. Eine bizarre Situation: Lieferanten zahlten dafür, dass irgendjemand ihnen Öl abnahm.

 

Wie kam es dazu? Einerseits tobte ein Preiskrieg zwischen Saudiarabien und Russland. "Für Russland ist ein Ölpreis von 40 bis 50 Dollar pro Barrel völlig in Ordnung, Saudiarabien präferiert einen deutlich höheren Ölpreis um mindestens 60 Dollar. Was man aber zuletzt beobachten konnte, ist, dass die Schmerzgrenze für alle Beteiligten bei um die 30 Dollar pro Barrel liegt. Sinkt der Ölpreis unter diese Marke, dann gibt es offenbar eine hohe Bereitschaft, gemeinsam zu agieren", sagt David Wech, Öl-Experte beim Analyse-Institut JBC Energy im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

 

Als den Marktteilnehmern dann die Konsequenzen der Covid-19-Pandemie dämmerten, ging der Ölpreis vollends in den Sturzflug. Mittlerweile liegt der Ölpreis der Rohöl-Sorte Brent - die in Europa gehandelt wird - wieder bei rund 41 Dollar (am 21. April lag der Ölpreis noch bei nur etwas über 19 Dollar). Die Opec geht nun davon aus, dass der Verbrauch von Jet-Treibstoff aufgrund der Reisebeschränkungen weiter weit unter der Norm liegen wird, zudem werde eine hohe Arbeitslosigkeit dazu führen, dass die Menschen ihre Mobilität einschränken und die Nutzung ihrer PKWs verringern. Die ölexportierenden Länder der Opec+ (der neben den traditionellen Opec-Staaten auch Länder wie Russland, Kasachstan, Aserbaidschan, Malaysia und Mexiko angehören) haben jedenfalls ihre Ölförderkürzungen bis Juli verlängert, um den Preis weiter zu stützen.

 

"Grundsätzlich geht der Ölpreis tendenziell über die nächsten Monate hinweg weiter nach oben. Dabei spielen ganz klar die Lockerung der Covid-19-Maßnahmen in den einzelnen Ländern und das Wiederaufkeimen des (Reise-)Verkehrs die größte Rolle. Angst vor einer zweiten Welle kann den Markt zwischenzeitlich aber durchaus immer wieder durchbeuteln", meint der Analyst David Oelzant von Raiffeisen Research gegenüber der "Wiener Zeitung".

 

Für Länder wie Kuwait oder Katar bedeutet der derzeit niedrige Ölpreis einen Absturz des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um bis zu 20 Prozent, Saudiarabiens BIP könnte um rund 12 Prozent sinken. Auch Russlands Wirtschaft wird schwer getroffen. Allerdings, so Oelzant, halte sich der Schaden für Russland und Saudiarabien in Grenzen: "Beide Länder hatten und haben ordentliche Reservepolster und sehr niedrige Produktionskosten. Ein Ölpreis wie aktuell von rund 40 US-Dollar für die Sorte Brent wäre für beide auch längerfristig tragbar." Eine Reihe von OPEC Staaten brauche allerdings einen höheren Ölpreis, um ihr Haushaltsbudget aufrecht zu erhalten. Und auch für die Schieferölbranche der USA stellt der Preisabsturz ein großes Problem dar, sagt Oelzant: "Schieferöl hat einen deutlich höheren Break-Even-Preis von rund 50 US-Dollar pro Barrel, und somit habe es auch einige, vor allem kleinere Produzenten sofort schwer getroffen. Die Anzahl an aktiven Öl-Plattformen ist zuletzt von rund 800 auf unter 200 gefallen. Erstes prominenteres Opfer war hier die Chesapeake Energy Corporation, einer der Fracking-Pioniere, der jüngst Bankrott erklären musste."

 

In Europa wollen die Regierungen (und auch die EU-Kommission), mit den Milliardensummen, die die öffentliche Hand derzeit in die Volkswirtschaft pumpt, die Energiewende beschleunigen. Gleichzeitig machen niedrige Ölpreise diese Energiewende zumindest kurzfristig wirtschaftlich weniger attraktiv. Oelzant sieht aber in jedem Fall eine Gelegenheit, jetzt in Richtung Energiewende zu gehen: "Wie die IEA (International Energy Agency) auch erst jüngst vorgerechnet hat, würden sich globale Investitionen in erneuerbare Energien auch positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Knackpunkt bei der Sache wird aber sein die asiatischen Staaten davon zu überzeugen mitzumachen. Und das wird nur gelingen, wenn der Westen eine Vorbildfunktion einnimmt."

 

Die Industrie sei gefordert, sich umzustellen, sagt Raiffeisen-Analyst Oelzant: "Die großen Ölkonzerne bereiten sich bereits darauf vor - etwa die OMV mit der Ausrichtung des Fokus auf Plastik statt Treibstoffen. Ganz ohne Erdöl werden wir aber auf absehbare Zeit nicht auskommen."

 

 

www.wienerzeitung.at


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