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San Francisco/Wien. Knapp drei Jahre ist es her, dass vor den Tesla-Niederlassungen etwas passiert ist, das man in den Konzernzentralen von BMW, Daimler und VW eigentlich für unmöglich gehalten hatte. Vor den Showrooms des Elektroautopioniers aus dem kalifornischen Palo Alto hatten tatsächlich zahlreiche Menschen im Freien campiert, um sich als Erste in die Warteliste für das neue Model 3 eintragen zu können. Offenbar wollten die Kunden ein neues Auto, das sie zu diesem Zeitpunkt weder gesehen geschweige denn gefahren hatten, so sehr, dass sie bereit waren, sich stundenlang dafür anzustellen.

 

Die damals gemachte Erfahrung, dass es nicht unbedingt eine auf Hochglanz getrimmte Händlerniederlassung mit opulenten Ausstellungsflächen braucht, um ein Auto zu verkaufen, scheint aber auch für Tesla selbst ein prägendes Erlebnis gewesen zu sein, aus dem das Unternehmen nun eine radikale Konsequenz zieht. Denn um das Model 3, mit dem Tesla in den Massenmarkt vorstoßen will, endlich zum versprochenen Basispreis von 35.000 Dollar anbieten zu können, werden Kunden ihre Teslas künftig nur noch online kaufen können. Laut Tesla-Chef Elon Musk wird der Direktvertrieb über das Internet zusammen mit anderen Kostensenkungen wie dem schon angekündigten Abbau von 3000 Jobs eine weitere Senkung der Fahrzeugpreise um sechs Prozent möglich machen.

 

 

Für den Großteil der 378 Tesla-Filialen bedeutet die Umstellung auf den Online-Verkauf das unmittelbare Aus, lediglich ein paar Niederlassungen in guten Innenstadtlagen sollen als Schauräume und Informationszentren erhalten bleiben, in denen die Kunden das Auto in natura betrachten und auch einmal probesitzen können. Auch einen klassischen Werkstattbetrieb, der Wartung und Reparaturen übernimmt, soll es nicht mehr geben. Bleibt das Auto liegen, soll der Tesla-Servicedienst zum Kunden kommen - am selben Tag oder vielleicht sogar innerhalb einer Stunde, wie Tesla verspricht.

 

Autokauf ohne Probefahrt

 
Den Autokauf will Tesla den Kunden dennoch so einfach wie möglich machen. "Sie können einen Tesla in Nordamerika jetzt über das Smartphone in einer Minute kaufen, und diese Möglichkeit wird es bald weltweit geben", heißt es im unternehmenseigenen Blog, in dem auch versucht wird, den Kunden die Angst vor einem Kauf ohne Probefahrt zu nehmen. So soll ein neu gekaufter Tesla innerhalb von sieben Tagen wieder zurückgegeben werden können, wenn er nicht mehr als 1600 Kliometer auf dem Tacho hat.

 

Mit der Umstellung auf den Internet-Vertrieb reagiert Tesla laut Experten vor allem auch auf den absehbaren Wegfall staatlicher Anreize, der Elektroautos in vielen Ländern schon bald wieder teurer machen dürfte. Für Ferdinand Dudenhöffer, den Leiter des Car-Instituts an der Universität Duisburg-Essen, ist der Verkauf über das Internet aber in jedem Fall ein tragfähiges Zukunftsmodell. "Das kann und wird funktionieren", sagt der deutsche Autoexperte im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

 

Denn laut Dudenhöffer gibt es schon jetzt Anzeichen dafür, dass sich das in vielen Ländern bestehende starre System, in dem Autobauer nur an Händler verkaufen dürfen, aufzuweichen beginnt. So erobern vor allem sogenannte Internetvermittler, die Autos aufgrund der enormen verkauften Menge mit deutlich höheren Rabatten anbieten können, immer mehr Marktanteile. Allein der deutsche Branchenprimus meinauto.de kommt auf diese Weise auf etwa 50.000 vermittelte Autos pro Jahr.

 

Fahren im Abo

 
Noch disruptiver dürften für die etablierten Händler allerdings die sogenannten Car-Abos sein, wie sie etwa Volvo seit kurzem anbietet. Dabei bezahlen die Kunden pro Monat neben den Treibstoffkosten nur noch eine fixe monatliche Rate für die Benützung eines Autos. Die Fahrzeuge können dabei auch ohne allzu großen Aufwand gewechselt werden. "Bisher war der Fahrzeughändler auch eine Art Versicherung. Ich konnte hier meine Probefahrt machen und wenn es ein Problem mit dem Auto gab, hatte man einen Ansprechpartner", sagt Dudenhöffer. "Heute deckt ein Car-Abo all diese Unsicherheiten ab. Ich kann das Auto sogar zurückgeben, wenn es mir nicht gefällt."

 

Nach Dudenhöffers Ansicht wird Tesla daher mit Sicherheit nicht der einzige Hersteller bleiben, der ganz auf die Internetvertriebsschiene setzt. Auch die neuen und immer stärker auf die globalen Märkte drängenden chinesischen Hersteller Byton und Link&Co wollten gänzlich ohne klassisches Händlernetz auskommen. "Gegenüber dem Händlersystem sparen Sie als Kunde fast zehn Prozent des Preises, wenn die Leistung online angeboten wird", sagt Dudenhöffer. "Das Amazon-Modell wird daher also wohl auch im Autobereich kommen." Dass große deutsche Autobauer wie Daimler, VW und BMW in den nächsten fünf bis zehn Jahren auch auf den Internetvertrieb umstellen, hält Dudenhöffer aber für wenig wahrscheinlich. So hätten sich die Hersteller nicht nur für viele Jahre vertraglich an die Händler gebunden. "Es ganz ohne die Händler zu machen, dafür fehlt auch der Mut", sagt Dudenhöffer.

 

 

Von Ronald Schönhuber         www.wienerzeitung.at


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