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Der Trumpf des Textilkonzerns Inditex sind seine weltweit gestreuten Produktionsstätten.

 

 

 

Am 24. März landet ein Flugzeug in Zaragossa, Spanien. Es enthält 1,4 Millionen Atemschutzmasken und 74.650 Schutzanzüge. Die Maschine kommt aus Zhengzhou in China. Die Pakete sind beschriftet mit den Worten "Aunque los océanos nos separen, nos une la misma luna" - Die Ozeane mögen uns trennen, aber der Mond vereint uns.

 

Die 94-Tonnen-Ladung kommt aus den Fabriken des spanischen Textilherstellers Inditex. Zara, Bershka, Pull&Bear, Massimo Dutti und weitere Kleidungsmarken gehören zum Portfolio des multinationalen Unternehmens. Der Gründer, Amancio Ortega, hat versprochen, 300.000 Atemschutzmasken an das spanische Gesundheitsministerium zu spenden, und wird durch die Bereitstellung seines Logistiknetzes nun als Retter in der Not gefeiert. Doch auch das Unternehmen steht durch das Coronavirus unter großem Druck.

 

Textilindustrie unter Druck:

Die Corona-Krise hat die Textilindustrie auch in Bangladesch fast vollständig lahmgelegt. Große internationale Firmen stornierten Aufträge in Milliardenhöhe, nachdem sie ihre Läden zur Eindämmung der Pandemie schließen mussten. Besonders hart trifft es Frauen vom Land, die den größten Teil der Textilarbeiter ausmachen. Wo sonst für große Modeketten produziert wird, stehen die Nähmaschinen still. Mehr als zwei Millionen Arbeiter sind betroffen. Die Produktion von T-Shirts, Pullovern und Socken für reichere Länder ist die Grundlage der Wirtschaft des armen Landes. Die Textilindustrie macht 80 Prozent der jährlichen Exporte im Wert von 40 Mrd. Dollar (37 Mrd. Euro) aus und war entscheidend für das Wirtschaftswachstum in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Mehr als vier Millionen Menschen arbeiten in der Branche. Doch die Textilindustrie hat einen schlechten Ruf: Arbeiter haben oftmals keinerlei Rechte und werden ausgebeutet. Viele Fabriken sind nicht sicher, wie der Einsturz der Rana-Plaza-Fabrik 2013 zeigte, bei dem 1130 Menschen starben.

Der Konzern produziert zu 92 Prozent in Spanien und Portugal, Marokko, der Türkei, Indien, Bangladesch, Kambodscha, China, Pakistan, Vietnam, Argentinien und Brasilien. Auch das Coronavirus ist in all diesen Ländern präsent. Am 15. Februar verzeichnete China bereits 1500 Tote und mehr als 67.000 Infizierte. Die heimische Produktion war im Jänner und Februar um 13,5 Prozent gesunken und die rund 1900 Fabriken, mit denen die Zulieferer von Inditex zusammenarbeiten, waren lahmgelegt. Der Konzern gab bekannt, einen Teil seiner Produktion nach Marokko und in die Türkei zu verlagern, wo ihm eine ähnliche Anzahl Fabriken zur Verfügung steht.

 

Der Konkurrent Mango hat in den letzten Jahren ebenfalls seine Produktionsstandorte diversifiziert und spielt nun mit der Produktionsverlagerung, um der Krise ein Stück weit entgegenwirken. Doch auch die Türkei verzeichnete am Montag 86.306 bestätigte Fälle von Infektionen und 2017 Tote. Marokko meldete bis dahin 2855 Fälle und 141 Tote.

 

Das katalanische Textilunternehmen Desigual stellt die Hälfte seiner Produkte in chinesischen Fabriken her. Um eine Unterversorgung zu verhindern, war eine erste Überlegung der schnellere, aber teurere Transport der Produkte per Flugzeug, statt per Schiff. Doch mit den Flugeinschränkungen und dem ausfallenden Betrieb von Passagierflügen fällt Frachtraum weg und mit den Grenzschließungen zusätzlich die Landegenehmigungen für Frachtflüge. Am Zoll haben aktuell Lieferungen mit sanitären Gütern Priorität. Es scheint, die globale Logistik der multinationalen Unternehmen hat in Covid-19 einen Gegner auf Augenhöhe gefunden.

 

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Modebranche verändert. Gab es früher Kollektionen für Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter, so werden nun alle paar Wochen neue Produkte auf den Markt gebracht. Eduardo Zamácola von der Assoziation der spanischen Textilunternehmen spricht von bis zu dreißig Variationen pro Jahr - spätestens alle drei Wochen gibt es Neuware.

 

Nahe Produktionsstätten machen flexibel

 

Es ist Inditex’ Erfolgsrezept, über fünfzig Prozent der Produkte auf der Iberischen Halbinsel, in Nordafrika und der Türkei herzustellen. Dabei handelt es sich vor allem um die kurzfristigen Trends, die das Unternehmen in geringer Stückzahl produziert und durch die Nähe schneller auf den Markt bringen kann als die Konkurrenz. Gleichzeitig kann es Ladenhüter schneller aus dem Sortiment nehmen. Die nahe Produktion macht also flexibel.

 

Zu Zeiten des Coronavirus und damit einhergehenden Handelsbeschränkungen haben die nahen Produktionsstandorte einen weiteren Vorteil: Je näher die Produktion am Zielland ist, desto weniger Grenzen muss die Waren überwinden und desto sicherer ist die Lieferung. Schon vor dem Ausbruch der Pandemie war die Verlagerung der Produktion ein Thema in der Branche. Das liegt zum einen daran, dass die Nachfrage unvorhersehbarer geworden ist und eine schnelle Reaktionsfähigkeit essenziell wird. Gleichzeitig werden klima- und geopolitische Bedenken wichtiger. Wegen der häufigen Trendwechsel werden die ressourcenintensiv hergestellten Kleidungsstücke verfrüht ausrangiert. Zamácola sagt, dass die Branche die am meisten kontaminierende ist, nach der Erdöl-Förderung. Auch deshalb steht Fast Fashion in der Kritik.

 

Der Experte geht davon aus, dass die Menschen in Zukunft weniger und bewusster kaufen werden, weil das Coronavirus ihnen die Konsequenzen ihrer Ansprüche veranschaulicht. Die Pandemie zeige die Anfälligkeit, aber auch das Potenzial der internationalen Handelsketten. Deshalb sagt Zamácola auch, dass die Bewegung der Krankheit eine Bestätigung für die unverzichtbare Produktion an verschiedenen Standorten auf der ganzen Welt ist. Dementsprechend wird die gegenwärtige Situation einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Textilbranche haben.

 

Diese macht in Spanien 2,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Die Branche bereitet sich nun auf die Auswirkungen der Quarantänezeit vor. Inditex hat bereits angekündigt, für 2020 keine Dividende an die Aktionäre ausschütten zu wollen und das Geld stattdessen in Rücklagen zu investieren. Weltweit hat der Konzern 170.000 Angestellte. Die Hälfte der 7649 Läden sind aktuell geschlossen. In Spanien betrifft das 45.000 Angestellte. Es wurde bereits angekündigt, dass Inditex, Desigual, H&M und Cortefield in Spanien insgesamt 40.000 Mitarbeitern kündigen müssen. Man geht davon aus, dass die Läden erst am 1. Juni wieder öffnen können.

 

Normalerweise beginnt der Sommerschlussverkauf am 21. Juni. Laut Zamácola gibt es zwei Theorien, wie die Textilbranche damit umgehen wird. Eine ist, dass man die Sommerkollektion verlängern wird, da es auch im September noch warm genug für die angebotenen Kleidungsstücke sein wird. Das würde aber die Absprache und Einigung aller Marken erfordern. Die andere, für den Experten wahrscheinlichere Option ist, dass alle Marken sofort die Preise reduzieren werden, um Umsatz zu machen.

 

Sicher ist, dass mit einem Konsumrückgang und einer Streichung der Bestellungen für die aktuelle Produktion der Winterkollektion zu rechnen ist. Da die Produktion in Südostasien nur bei großen Mengen sinnvoll ist, könnte sich auch das auf die Auswahl der Produktionsstätten auswirken.

 

Unternehmer treten als Wohltäter auf

 

Amancio Ortega ist der reichste Mann Spaniens und einer der reichsten Männer der Welt. Man weiß nicht viel über den Inditex-Gründer, aber in den vergangenen Wochen ist er ins Zentrum der gesellschaftlichen Debatte in Spanien gerückt.

 

Es gibt Stimmen, die ihn für seine Spenden als Volksheld sehen und einen Preis fordern. So spendete er über seine Stiftung spanischen Krankenhäusern zuletzt medizinisches Material im Wert von 63 Millionen Euro. Und es gibt andere, die ihn kritisieren, weil der Unternehmer unter Verdacht steht, durch seine transnationalen Tätigkeiten Steuern hinterzogen zu haben. Laut einem Bericht der Grünen im Europaparlament handelt es sich dabei um 585 Millionen Euro. Das Unternehmen weist diese Anschuldigung zurück.

 

 

www.wienerzeitung.at

 


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