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Die EU ist bei der Produktion von Medikamenten von asiatischen Ländern abhängig. Die Gesundheitsminister wollen nun gegensteuern. Einfach wird das nicht.

 

 

 

Es ist das letzte Werk seiner Art in Europa. Im malerischen Kundl im Tiroler Inntal produziert die Firma Novartis Penicillin - ein bekanntes Antibiotikum, das früher überall auf dem Kontinent hergestellt wurde. Mittlerweile wird es nur noch in Kundl produziert, und auch das vermutlich nicht mehr lange. Wegen des enormen Preisdrucks auf dem Markt überlegt die Pharmafirma, den Wirkstoff künftig aus Asien zuzukaufen. Die kostendeckende Produktion von Penicillin in Europa, hieß es, sei extrem herausfordernd.

 

Ein Schlaglicht, das ein Problem illustriert, das sich in den letzten Jahren in der EU verschärft hat: Die Abwanderung der Produktion von Arzneimitteln nach Asien. Hergestellt werden die Heilmittel vieler europäischer Pharmafirmen heute vor allem in Indien - und Indien importiert die den Medikamenten zugrundeliegenden Wirkstoffe wiederum zu ganzen 70 Prozent aus China.

 

 

Das Reich der Mitte, der globale Gegenspieler der westlichen Vormacht USA, stellt heute 80 bis 90 Prozent der globalen Wirkstoffmengen für Antibiotika her. "Die Chinesen brauchen gar keine Atombombe. Sie liefern einfach keine Antibiotika, dann erledigt sich Europa von ganz allein", fasste die Pharmazieprofessorin Ulrike Holzgrabe von der Universität Würzburg in einer Sendung im deutschen ZDF die Abhängigkeit des Kontinents von der Volksrepublik pointiert zusammen.

 

Die Corona-Krise hat diese Abhängigkeit nun stärker ins öffentliche Bewusstsein treten lassen. Im März hatte Indien seine Medikamenten-Ausfuhren gedrosselt, Arzneistoffe wie Paracetamol wurden gar nicht mehr exportiert. In Europa verstärkte das Befürchtungen, wonach eine drohende Arzneimittelknappheit möglich sei. Am Dienstag berieten die EU-Gesundheitsminister über die Problematik, der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn will das Thema zu einem Schwerpunkt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 machen. "Wir wollen finanzielle Anreize setzen, um die Produktion wichtiger Wirkstoffe wieder nach Europa zu verlagern", sagte Spahn.

 

Auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hatte die "strategische Autonomie" der EU in diesem Bereich zur Priorität erklärt. "Es ist nicht normal, dass Europa kein einziges Gramm Paracetamol herstellt", sagte der Politiker vorige Woche. Borrell denkt an Diversifizierung von Lieferanten und Produzenten, um die Produktionsketten zu verkürzen.

 

 

Medikamente aus Afrika?

 

 

So könne man die Herstellung von medizinischen Produkten auch nach Afrika verlegen - das würde auch die dortigen Gesundheitssysteme stärken. Denn die Produktion wichtiger Arzneimittel wieder nach Europa zu verlagern, ist alles andere als einfach. In Indien und China werden in erster Linie Generika produziert, also jene mit dem Originalmedikament identischen Arzneimittel, die man herstellen darf, wenn das Patent aufs Original erloschen ist - und die deutlich billiger sind. In Deutschland waren 2018 knapp 80 Prozent aller verkauften Medikamente Generika. Die Kosten, die sie verursachen, sind um vieles geringer - zumal die hohen Entwicklungskosten für ein neues Medikament wegfallen. Die tragen derzeit immer noch in erster Linie westliche Länder.

 

Der billige Preis birgt für Europas Konsumenten aber manche Risiken. Und damit ist nicht nur die Abhängigkeit von Lieferanten aus Fernost gemeint. "Wir handeln uns mit dem billigen Preis Probleme ein", sagt Thierry Langer, der Leiter des pharmazeutischen Departements der Universität Wien, der "Wiener Zeitung". So würden etwa durch die schlechten Umweltstandards in Indien und China resistente Bakterien quasi gezüchtet, die dann ins Meer gelangen - und damit auch zu uns.

 

Visegrad-Staaten könnten profitieren

 

"Solange wir darauf angewiesen sind, die Kosten möglichst zu drücken, wird ein Zurückholen der Produktion nach Europa sehr schwer. Man könnte mit regulatorischer Politik eingreifen, etwa Zölle erheben auf Wirkstoffe aus Asien. Die EU müsste Geld in die Hand nehmen, um die Produktion in Europa wieder attraktiv zu machen. Mit steuerlicher Förderung könnte es schon gelingen, die Herstellung nach Europa zurückzuholen", sagt Langer. So gebe es etwa in Polen oder Tschechien Firmen, die produzieren könnten.

 

www.wienerzeitung.at

 


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