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Risikogruppen schützen, aber anders: Uni-Professor Huber fragt sich, ob das Herunterfahren von Wirtschaft und öffentlichem Leben nicht zu viel des Guten ist.

 

 

Innsbruck – Rechtfertigt der Kampf gegen das Coronavirus ein komplettes Herunterfahren der Wirtschaft sowie des öffentlichen Lebens und die dadurch notwendig gewordenen Hilfspakete im Ausmaß Dutzender (Österreich) bzw. Hunderter (Deutschland) Milliarden Euro? Diese brisante Debatte dürfte nach dem Corona-Schock früher oder später aufkeimen, und diese heikle Frage stellt sich auch der Innsbrucker Universitätsprofessor für Finanzwirtschaft, Jürgen Huber.

 

„Koste es, was es wolle. Ich finde diesen Spruch gefährlich“, sagt Huber. Es gehe ihm nicht darum, die Regierung, die insgesamt gut agiere, zu zerreißen. Und natürlich müsse man die gefährdeten Personen schützen. „Doch ich frage mich, ob man mit dem weitgehenden Shutdown das richtige Maß gefunden hat oder ob man nicht zu weit gegangen ist.“ Sprich: Hätte man den gefährdeten Personenkreis ebenso gut schützen können, ohne gleich sämtliche Wirtschaftskreisläufe abrupt herunterzufahren? „Das ,Koste es, was es wolle‘ wird bei der Grippe mit 1400 Toten pro Jahr in Österreich nicht praktiziert.“ Vielmehr habe die Corona-Krise offenbart, in welchem Ausmaß die Gesundheitssysteme in vielen Ländern kaputtgespart wurden – von fehlender Schutzausrüstung bis zum Mangel an Personal und Intensivbetten.

 

Neben der Sorge um die Gesundheit müsse man auch die langfristigen Folgeschäden eines wirtschaftlichen Stillstands für die Gesellschaft und die kommenden Generationen bedenken, die die milliardenschweren Hilfspakete werden abzahlen müssen, meint Huber. „Man sollte deshalb weiterhin ein Wirtschaftsleben zulassen“, so Huber. Daher sollte man aus seiner Sicht jetzt auch nicht alle Baustellen sperren. Auch sei die Treffsicherheit der Rettungspakete zu hinterfragen: „Kommen die Hilfen auch bei denen an, die sie wirklich brauchen?“

 

Konzerne wie Strabag oder die AUA hätten genug Personal und Fachwissen, um die Hilfen abzurufen. „Doch die Blumenhändlerin ums Eck, der Taxifahrer – ich kann nur hoffen, dass gerade dort das Geld auch ankommt.“ Noch vor Kurzem sei es unmöglich gewesen, einige hundert Millionen Euro für Ganztagesbetreuung oder Pflege aufzutreiben. „Jetzt sind zig Milliarden kein Problem. Hat man früher und jetzt wirklich die richtigen Prioritäten gesetzt?“, fragt Huber. Der – nicht unumstrittene – deutsche Finanzmanager und Ex-Assistenzchirurg Alexander Dibelius argumentierte im Handelsblatt unlängst ähnlich: Gefährdeten Personenkreis schützen, aber anders.

 

Der Chef der deutschen Wirtschaftsweisen, Lars Feld, rechnet heuer in Deutschland mit einer schweren Rezession von bis zu zehn Prozent. Für Österreich werden die Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS morgen eine Prognose vorlegen. Bisher gingen Experten für heuer von einem Wirtschaftseinbruch von bis zu fünf Prozent aus.

 

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