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LINZ. Der Halbleiter-Konzern Infineon sucht in Linz mehr als 200 Technikerinnen und Techniker, sagt die Österreich-Chefin, Sabine Herlitschka. Der Grund: Die Radar-Chips für moderne Autos werden hier entwickelt.

 

 

Mit Energie sparenden Chips und entsprechender Mikroelektronik hat sich Infineon Technologies Austria weltweit eine starke Position erarbeitet. Österreich und speziell Linz spielen bei den Halbleiter-Innovationen eine wesentliche Rolle. Wie es dazu kam, erzählt die Österreich-Vorstandsvorsitzende Sabine Herlitschka im OÖN-Gespräch am Rande einer Innovationsveranstaltung bei Lunik2 in der Linzer Tabakfabrik.

 

 

OÖN: Wie haben Sie es geschafft, Ihre Konzernmutter zu überzeugen, 1,6 Milliarden Euro für eine neue Halbleiter-Fabrik nicht in Asien oder Deutschland, sondern im Hochlohnland Österreich, in Villach, zu investieren?


Herlitschka: Für unsere neue vollautomatisierte 300-Millimeter-Chipfabrik war ausschlaggebend, dass wir unser geistiges Eigentum, unseren größten Schatz, in Europa halten wollen. Entscheidend war auch, dass wir mit tollen Mitarbeitern das Werk bei laufendem Betrieb in kurzer Zeit hochfahren können. Auch die Unterstützung der Regierung in der Abwicklung der Verfahren und ein attraktives Forschungsumfeld, etwa mit einer Prämie, waren ganz wesentlich. Es werden 400 Jobs in der neuen Fabrik entstehen. (Bisher konnten nur Siliziumscheiben – Wafer – mit 200 mm Durchmesser gefertigt werden; aus diesen Platten werden Chips für die Elektronikindustrie gebaut, Anm.)

 

Die Firma DICE, die ehemalige Ausgründung der Linzer Universität, scheint sich gut zu entwickeln. Was haben Sie hier vor?


Die mehr als 120 Mitarbeiter hier arbeiten an der 77-Gigahertz-Radartechnologie. Diese ist die Schlüsseltechnologie für autonomes Fahren – einen der Wachstumstreiber schlechthin für uns. Mit dieser Technologie kann etwa der Abstand der Fahrzeuge zueinander und zu Hindernissen mit einem Bruchteil der Kosten zu früher gemessen werden. Auch bei den Antennen im Mobilfunk wird sie eingesetzt. Bisher haben wir von diesen Mini-Chips aus Silizium-Germanium, die in Linz entwickelt (und in Asien gefertigt, Anm.) werden, mehr als 50 Millionen Stück verkauft. Wir sind damit Weltmarktführer. Das globale Kompetenzzentrum dafür ist Linz. DICE und Linz spielen für uns damit eine hochstrategische Rolle. Wir suchen in den nächsten vier Jahren für Linz 220 Fachleute für IT und Hochfrequenztechnik.

 

Wie soll das bei dem eklatanten Fachkräftemangel gelingen?


Wir arbeiten mit verschiedenen Bildungseinrichtungen wie JKU und FH Hagenberg zusammen und sprechen auch gezielt Frauen an. Schon heute arbeiten bei DICE Menschen aus 29 Ländern. Wir suchen Leute, die Freude an der Technik haben, die keinen Nine-to-Five-Job haben wollen und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten wollen.

 

Wie sieht Ihr Beitrag für die Gesellschaft aus?


(lacht) Ich war 1985 bei den Protesten in der Au in Hainburg. Das war die erste gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Ökologie. Damals war unsere Lebensphilosophie: Wenn wir Nachhaltigkeit haben wollen, ist das ein sehr tristes Leben, es ist kalt und unsympathisch, Umweltschutz bedeutete Verzicht. Heute können wir mit intelligenten Technologien Lösungen für Umweltschutz anbieten, die nichts mit Verzicht zu tun haben und damit mehr Akzeptanz finden. Unsere Chips helfen Energie sparen. So können wir intelligent wachsen. Es ist unerhört, dass immer noch 80 Prozent der Energie aus fossilen Brennstoffen kommt. Das kann mit intelligenter Technologie verändert werden.

 

Was fehlt Österreich, um innovativer sein zu können?


Erstens Fachkräfte und zweitens für die Digitalisierung nötige Infrastruktur wie 110-kV-Leitungen und Breitband-Internet. Es braucht klare Regeln, gleichzeitig plädiere ich bei der Diskussion zur Abschiebung von Asylwerbern in Ausbildung für einen pragmatischen Weg. Es ist eine Frage des Hausverstands und eines christlichsozialen Gesellschaftsmodells, bewährte Kräfte nicht abzuschieben.

 

 

Zur Person

 

Die gebürtige Salzburgerin Sabine Herlitschka war nach ihrem Studium der Lebensmittel- und Biotechnologie in der internationalen Forschungsförderung (FFG, Med-Uni Graz) tätig. Seit August 2011 ist sie im Infineon-Vorstand, im April 2014 folgte sie Monika Kirchner als Österreich-Chefin nach. Zum Interview kam sie mit Gipsfuß: „Die Digitalisierung hat mir ein Bein gestellt.“ Sie war über die Stiege gestolpert – ins Handy starrend.

 

Energiesparen mit intelligenten Chips

 

Infineon Österreich setzte im vergangenen Jahr 2,5 Milliarden Euro um.


Der Halbleiterkonzern Infineon wurde vor zwei Jahrzehnten als Ausgliederung von Siemens gegründet. Gedacht war sie als verlängerte Werkbank für billige Produktion – wie beispielsweise in der „Villacher Diodenfabrik“. Heute, nach vielen Hochs und Tiefs, ist Infineon ein Halbleiter-Konzern mit 7,1 Milliarden Euro Umsatz und 37.500 Mitarbeitern weltweit.

 

In Österreich sind es rund 3800 Beschäftigte, davon 1500 in Forschung und Entwicklung. Mittelfristig sollen in Österreich weitere 860 Jobs in Forschung und Entwicklung geschaffen werden, davon 350 am Hauptsitz in Villach, 290 in Graz und 220 in Linz.

 

Mit Aufwendungen von 17 Prozent des Gesamtumsatzes für die Forschung zählt Infineon Austria zu den forschungsintensivsten Unternehmen des Landes. Der Umsatz belief sich 2017 auf 2,54 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Steuern stieg um elf Prozent auf 177 Millionen Euro.

 

Die neue Chipfabrik in Villach soll zusätzliche Umsätze von 1,8 Milliarden Euro pro Jahr bringen. Die dort ab 2021 zu produzierenden Energiesparchips steuern den Stromfluss in E-Autos, Handys, Zügen, Windkraft- und Solaranlagen.

 

 

Ulrike Rubasch        www.nachrichten.at


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