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Oberösterreich verliert an Boden. Jeden Tag wird hierzulande ein Hektar Grund versiegelt, 1000 Hektar Brache bleiben ungenützt, Ortskerne verwaisen. Die vor knapp einem Jahr beschlossene Raumordnungsnovelle soll Flächenfraß und Zersiedelung den Kampf ansagen. Doch während sie für die einen "eines der schärfsten Gesetze Österreichs" ist, ist sie für andere "zahnlos".

 

"Was Flächensparen angeht, ist Oberösterreich alles andere als ein Vorreiter", sagt Hanna Simons, stellvertretende Geschäftsführerin des WWF. "Anstatt dass brachliegendes Gelände saniert und genutzt wird, werden lieber neue Flächen versiegelt."

 

Drei neue Gebäude pro Stunde

 

2,5 Hektar versiegelter Boden pro Tag, das ist das Nachhaltigkeitsziel, das Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) und Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (VP) Ende Juni verkündeten. Ein Ziel, das bis zum Jahr 2030 erreicht werden soll, von dem man in Österreich allerdings noch weit entfernt ist. Mit 11,5 Hektar ist der tatsächliche Bodenverbrauch pro Tag aktuell mehr als viermal höher.

 

Pro Stunde werden in Österreich 2,63 neue Gebäude fertiggestellt, wovon zwei Drittel Ein- oder Zweifamilienhäuser sind. "Viele Gemeindekassen sind leer, mit dem Verkauf von Grundflächen lässt sich schnelles Geld machen", sagt Simons. "Das rentiert sich viel mehr als die Sanierung einer Brache." Die Folge sei, dass in Gemeinden fernab des Ortskerns riesige Einkaufszentren entstehen würden, während in den Nachbargemeinden bereits welche stehen. "Es ist verständlich, dass Gemeinden Betriebe ansiedeln wollen, doch das muss ja nicht gleich Zubetonieren bedeuten", sagt Simons. "Es geht nicht nur um Ressourcenschonung, sondern auch um Klima- und Artenschutz."

 

Ein gesunder Boden ist nicht nur für Tausende Kleinstlebewesen, die den Boden fruchtbar machen, Lebensgrundlage, sondern auch ein wichtiger Speicher. Neben CO2 nimmt er auch Wasser auf, ein Quadratmeter Boden speichert etwa eine Badewannenfüllung Wasser.

 

Bildung statt Verboten

 

Eine Variante bei der Vergabe von Großbauprojekten wäre, dass bei der Raumplanung nicht mehr anhand von Gemeindegrenzen, sondern Gemeindezusammenschlüssen entschieden wird. In Simons’ Heimatgemeinde Neuhofen an der Krems hätten etwa drei Gemeinden zusammen ein Altstoffsammelzentrum errichtet.

 

Neben der Erstellung von Grünraum-Plänen, die Areale auflisten, auf denen nicht gebaut werden darf, nimmt sich die oberösterreichische Raumordnungsnovelle auch des Themas der Einkaufszentren am Ortsrand an. Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von 300 Quadratmetern oder mehr dürfen nicht mehr eingeschoßig gebaut werden. Zusätzlich darf nur noch ein Drittel der Parkplätze oberirdisch errichtet werden, für die übrigen muss eine Tiefgarage oder ein Parkhaus gebaut werden. Für Simons ein Schritt in die richtige Richtung. Ihr sei die Novelle aber "zu wenig verbindlich". Es gebe "zu viel Platz für Ausnahmebewilligungen".

 

Für Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner ist die Novelle "eines der schärfsten Gesetze in Österreich". Er setze auf Bewusstseinsbildung und Anreize statt Verboten. Großangelegte Umwidmungen von Grün- auf Bauland seien nicht notwendig, Baureserven gebe es genug. Fünf Prozent der Landesfläche Oberösterreichs sind gewidmetes Bauland, 40 Prozent davon sind bebaut. "Die Novelle ist noch kein Jahr alt und wurde schon jetzt von den Klimaereignissen überholt", sagt Umweltlandesrat Stefan Kaineder (Grüne). So sei etwa festgelegt, wie Einkaufszentren gebaut werden dürfen, allerdings nicht wo. "So kann weiter problemlos auf der grünen Wiese gebaut werden", sagt Kaineder, der die Novelle für "zahnlos" hält.

 

33 Thesen für ein besseres Oberösterreich: #24 - Stopp der Zersiedelung und dem Flächenfraß

 

Was braucht das Land, um in eine gute Zukunft zu gehen? Die OÖN analysieren das bis zu den Landtags-, Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen am 26.9.

 

WAS GESCHAH …

 
Pro Tag wird in Oberösterreich ein Hektar Boden versiegelt, an den Gemeindegrenzen entstehen Einkaufszentren, während Ortskerne verwaisen. Experten geht die von VP und FP eingebrachte Raumordnungsnovelle zu wenig weit.

 

… UND WAS PASSIEREN MUSS

 
Brachen nutzen und mehrgeschoßige Bauten, statt neue Flächen zu versiegeln. Bodenschutz ist auch Klimaschutz, als CO2- und Wasserspeicher hat der Boden eine wichtige Aufgabe, gerade in Zeiten der Klimakrise.

 

Nachgefragt

 

„Was den sparsamen Umgang mit Flächen angeht, ist Oberösterreich wirklich alles andere als ein Vorreiter.“

 
Hanna Simons, stv. Geschäftsführerin WWF

 

„Wir haben eines der schärfsten Raumordnungsgesetze. Bewusstseinsbildung ist wichtiger als Verbote.“

 
Markus Achleitner, Wirtschaftslandesrat

 

„Unsere Raumordnung ist zahnlos. Weiterhin kann problemlos auf der grünen Wiese gebaut werden.“

 
Stefan Kaineder, Umweltlandesrat

 

 

Von Michael Schäfl                www.nachrichten.at


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