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Seit 150 Jahren baut Aichelin Industrieöfen. Mit dem Langzeiteigentümer Berndorf ist auch der Sprung ins digitale Zeitalter gelungen. Mechatroniker ersetzen deshalb sukzessive die herkömmlichen Arbeiter.

 

 

Mödling. Es war einmal ein Küchenherd. So einer, wie ihn die Urgroßmütter hatten: Sparherd nannte man diese Erfindung, die das Kochen revolutionierte. Meist aus Gusseisen, mit verschiedenen Kochstellen, vielen Fächern und einem Backrohr, war der Klotz doch die Zierde der Küche.

 

Heute stehen solche Herde nur noch in Museen – auch in dem kleinen der Firma Aichelin, in dem die Firmengeschichte präsentiert wird. Betritt man jedoch die Hallen im Mödlinger Industriegebiet und sieht die riesigen Bauteile, die zu Industrieöfen zusammengebaut werden, kann man sich kaum vorstellen, dass alles mit einem Küchenherd begann.

 

1868 übernahm Jakob Aichelin in Stuttgart eine kleine Herdfabrik. Die blieb nicht lange klein, das Geschäft florierte. Sein Neffe Hermann, im Eisen- und Stahlgeschäft versiert, wusste um die Bedeutung der Wärmebehandlung und experimentierte mit ersten Industrieöfen. Die Industrialisierung beschleunigte die Umstellung, bald verlegte man sich ausschließlich auf die Industrie. Der Stammsitz übersiedelte in den 60er-Jahren nach Österreich.

 

Der Weg zum globalen Konzern, der inzwischen nicht nur in Mödling, sondern auch in Slowenien, den USA, in Indien und vor allem in China sowie noch in Deutschland produziert, verlief freilich nicht immer geradlinig.

 

Als die Sowjetunion 1989 zusammenbrach und Aichelin die Drehscheibenfunktion für den gesamten zentralen Einkauf für Osteuropa verlor, kam die Krise. Der Retter kam aus der Nachbarschaft in Person von Norbert Zimmermann. 1997 übernahm der Eigentümer der im Bereich Metallverarbeitung, Werkzeug- und Maschinenbau tätigen Berndorf-Gruppe Aichelin.

 

In China bei den Ersten

 

Mit Berndorf bekam die Firma nach wenigen Jahren wieder Boden unter die Füße. Vor allem aber wurde kräftig expandiert. „Wir waren ganz früh in China, 2007 haben wir die Fabrik gebaut“, erzählt Aichelin-Chef Peter Schobesberger. Als der industrielle Boom ausbrach, war Aichelin schon da. Inzwischen bilden die zwei Fabriken in der „Stahlstadt“ Tangshan den größten Standort des Unternehmens. Dazu kommt in Peking ein Engineering-Zentrum.

 

Forschung und Innovation – das ist eine Stärke des Unternehmens, das gerade den Sprung ins digitale Zeitalter vollzieht. MyAichelin heißt ein Servicepaket, bei dem ein „digitaler Zwilling“ eines Industrieofens beim Kunden auf dem Bildschirm abgebildet wird. „Der kann die Qualität checken und Ersatzteile anfordern, wir wiederum können eine Ferndiagnose erstellen“, erklärt Schobesberger. Eine andere Entwicklung wird gerade erprobt: Per App mit Bilderkennung identifiziert das Smartphone Schlüsselteile eines Ofens und liefert die Daten für Service oder Tausch an eine Datenbank.

 

Die Digitalisierung hat auch die Arbeitswelt bei Aichelin umgekrempelt: Mechatroniker ersetzen die „klassischen“ Arbeiter. Die benachbarte HTL, die Fachhochschulen und Universitäten liefern sie. Noch. „Optimal wäre eine Kombination aus Lehre und Matura“, lautet Schobesbergers Wunsch an die Bildungspolitik.

 

Geschwindigkeit sei gefragt: „Wir reagieren rasch auf wirtschaftliche Entwicklungen, wir würden auch ein Werk zusperren.“ Bisher sei das nicht notwendig. Die Zollpolitik von US-Präsident Trump spüre man aber am eingetrübten Investklima in den USA.

 

Umso mehr rückt das Servicegeschäft, das inzwischen 30 Prozent des Umsatzes von rund 200 Mio. Euro ausmacht, in den Vordergrund. „Unsere Öfen sind zum Teil Jahrzehnte in Betrieb, da werden Wartung, Umbau und Updates immer wichtiger.“

 

Gut 8000 Öfen hat Aichelin bisher gebaut. Das Prinzip ist geblieben: Es geht um Hitze, um hohe Temperaturen bis zu 900 Grad. „Gebacken“ (im Industriejargon heißt das wärmebehandelt) werden Schrauben, Kugellager, Zahnräder, Nadeln, Turbinenwellen usw. Stahlteile, die in Maschinen, in Autos, in Smartphones oder auch High Heels Verwendung finden. Sie müssen einer komplizierten Wärmebehandlung unterzogen werden, um ihnen die erforderliche Festigkeit zu geben.

 

 


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