Energie-Expertin Knaus über die neue Order am Energiemarkt und den Spagat zwischen Entlastung und Stromsparen.

Wiener Zeitung: Merit Order, Margins, Spotmarkt… diese Schlagworte waren noch vor kurzem nur einer überschaubaren Energie-Bubble ein Begriff. Heute dominieren sie den öffentlichen Diskurs. Haben wir das Thema Energie vernachlässigt?

Karina Knaus: Es war ja keine Notwendigkeit, sich breit damit zu beschäftigen. Energie war da und sie war günstig. In den letzten Wochen hat sich aber die Anzahl der Anfragen ins Unendliche gesteigert.

Karina Knaus ist Leiterin des Centers Volkswirtschaft, Konsument:innen und Preise der Österreichischen Energieagentur und promovierte Ökonomin.

Am Freitag beraten die EU-Energieminister über Maßnahmen gegen die Energiekrise; eine Strommarktreform ist etwa im Gespräch. Was müsste aus Ihrer Sicht jetzt sofort geschehen?

Jetzt sind wir natürlich alle schlauer, aber zu Beginn der Preissteigerung 2021 war nicht klar, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Damals war der Tenor unter den Energieexpertinnen und -ökonomen: Entlasten, wo es notwendig ist, aber die Preissignale möglichst nicht ändern. Mittlerweile hat sich die Situation geändert und damit der wissenschaftliche Diskurs, weil nicht mehr davon auszugehen ist, dass sich die Lage an den Energiegroßhandelsmärkten in absehbarer Zeit entspannt. Deshalb meinen wir jetzt, dass es sinnvoll wäre, auch in den Großhandelsmarkt einzugreifen, weil die Entlastungen nur ein kleiner Teil des Mosaiks sind. Es gibt aber diese eine perfekte Lösung nicht, sonst hätten wir sie schon.

Was sollte man auf keinen Fall tun?

Was auf jeden Fall nicht empfehlenswert ist, ist eine Abschottung Österreichs im Strombereich vom Rest Europas, etwa durch eine künstliche Verknappung der Übertragungskapazitäten. Also den hier produzierten Strom nicht mehr zu exportieren. Es wäre unionsrechtlich auch nicht möglich, vor allem im Winter wäre der Preiseffekt auch nicht groß. Eine Abschottung der EU-Länder wäre für die Versorgungssicherheit fatal. Wir hätten dann auch Probleme mit den Netzlasten, im schlimmsten Fall bis hin zu Blackouts.

Unter anderem ist eine Reform der Merit Order, des Preisbildungsmechanismus am Strommarkt, im Gespräch, ebenso ein Gaspreisdeckel und das Abschöpfen von Zufallsgewinnen. Wie beurteilen Sie diese Maßnahmen?

Es wäre jedenfalls nicht ratsam, die Merit Order auszusetzen und auf ein “pay as bid”-System umzustellen. (Also nicht mehr zuerst erneuerbare Energieträger ohne Grenzkosten ins Netz zu speisen, Anm.). Hier kann man auch nicht sagen, wie sich das Bieterverhalten ändert, und alle ökonomischen und spieltheoretischen Analysen gehen davon aus, dass das Preisniveau hier ähnlich hoch bleiben wird.

Man könnte aber auch den Gaspreis in der Merit Order deckeln…

Genau. Es gibt zwei Varianten, die am Tisch liegen. Zum einen gibt es eine Anlehnung an das Iberische Modell (ein Gaspreisdeckel bei Strom, Anm.), das den Charme hat, bei thermischen Kraftwerken – also neben Gas auch Kohle und Öl – anzusetzen. Man subventioniert diese, die dann einen günstigeren Preis bieten, was die gesamte Merit Order nach unten drückt. Der Vorteil ist, dass sich damit nichts am Modell selbst ändert, also die Erneuerbaren noch immer vorrangig ins Netz gespeist werden. Wir haben nur in der Vergangenheit davor gewarnt, dass das Österreich im Alleingang macht, weil wir im Gegensatz zu Portugal und Spanien kein abgeschotteter, in sich geschlossener Strommarkt sind. Man müsste das eben auf EU-Ebene oder zumindest auch in den Ländern um uns herum umsetzen, weil wir damit die thermischen Kraftwerke subventionieren und den günstigen Strom ins Ausland exportieren.

Wenn jetzt dauerhaft der hohe Gaspreis als letztes zugeschaltetes Kraftwerk den gesamten Strompreis bestimmt, welche Motivation habe ich als Konsumentin, meinen Strom lieber vom Verbund, der nur Ökostrom produziert, als von der Wien Energie, die vor allem auf Gas setzt, zu beziehen?

Das verwirrt sicherlich viele Kunden in dieser Situation. Die Merit Order prägt den Großhandel. Was Sie ansprechen, ist hingegen der Endkundenmarkt. Zur Preisgestaltung einzelner, bitte bei diesen Lieferanten nachfragen (lacht). Grundsätzlich ist die Referenz hier der Großhandelsmarkt. Wir wissen auch nicht, wie genau die Versorger ihre Erzeugungsanlagen vermarktet haben, die werden das in der Regel auch nicht nur am Spot-Markt tun.

Gehört die Merit Order nicht ohnehin langfristig reformiert? Wenn wir so viele Erneuerbare ausgebaut haben, diese wegen ihrer Nahe-null-Grenzkosten vorrangig ins Netz gespeist werden und wir kein Gaskraftwerk zuschalten, müsste nach dieser Logik der Strom nahezu null Euro kosten. Wer soll dann noch in Erneuerbare investieren?

Es war immer schon der Ansatz da, dass wir uns langfristig überlegen müssen, ob dieses Marktdesign noch funktioniert, wenn wir in den Vollausbau von erneuerbaren Energien gehen. Es gibt Ergebnisse in beide Richtungen. Es gibt nicht nur einen Preis fürs Jahr, sondern für jede Stunde. Und in einem System mit 100 Prozent erneuerbaren Energien wird es flexible Kraftwerke brauchen, um auszugleichen, wenn gerade wenig Wind weht oder die Sonne nicht scheint. Ob sie mit Erdgas oder erneuerbarem Gas betrieben werden, ist eine andere Frage, aber es wird immer einen Brennstoff geben. Und die Frage ist, sind die Preise noch hoch genug, um das zu finanzieren, oder brauchen wir ein neues Marktdesign? Wir waren in der wissenschaftlichen Community am Beginn dieser Diskussion. Die Energiekrise hat es jetzt dringlicher gemacht, dass wir uns damit beschäftigen müssen.

Was halten Sie davon, Zufallsgewinne abzuschöpfen?

Das ist der zweite Ansatz neben dem Iberischen Modell, thermische Kraftwerke zu subventionieren und umzuverteilen. Dort haben wir aber letzten Endes auch Abschöpfungseffekte, weil durch die Senkung des Großhandelspreises die erneuerbaren Erzeuger weniger Gewinn machen. Die zweite Option ist es, direkt bei den Gewinnen mit sogenannten “contracts for differences” anzusetzen. Man macht für erneuerbare Anlagen oder einen Teil davon eine Marktprämie, wie wir es zum Beispiel im Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz haben. Es gibt aber einen Referenzpreis von sagen wir einmal 80 Euro pro Megawattstunde, und ab dann führt diese Anlage auch Geld ab an eine Abwicklungsstelle. Dieses Geld kann dann umverteilt werden. Wenn der Marktpreis fällt, bekommen also die Anlagen Geld aus dem System, wenn er stark steigt wie jetzt, führen sie Geld ab. In Griechenland wird dieses Modell aktuell angewandt. Bei beiden Modellen sind aber die Terminmarktgeschäfte eine Herausforderung, die vor allem in Österreich und Deutschland relevant sind.

Stichwort Termingeschäfte: An den Großhandelsbörsen springt der Strom- und Gaspreis tageweise um 40, 50 Prozent auf und ab. Kann man angesichts dessen noch von einem funktionierenden Markt sprechen?

Das ist ja auch der Grund, warum man jetzt versucht, beim Großhandelsmarkt anzusetzen. Tatsächlich können die Risikomodelle (der Energieversorger, Anm.) mit diesen Volatilitäten nicht mehr umgehen. In der Vergangenheit war es ein “verrückter” Handelstag, wenn die Preisänderung bei 20 Cent pro Megawattstunde lag. In den Handelsmedien waren das schon Neuigkeiten. Jetzt sind wir manchmal bei 100 und mehr Euro pro Tag. Deshalb kann man sehr wohl von einem Marktversagen am Gasmarkt sprechen, was jetzt auch auf den Strommarkt überschwappt. Obwohl es jetzt keine perfekte Lösung für diese Probleme gibt, ist es sicher besser, etwas nicht Perfektes umzusetzen, als nichts zu tun.

In Österreich werden Milliarden zur Entlastung der Bevölkerung in die Hand genommen: Strompreisbremse, Teuerungsausgleich… Gleichzeitig kritisieren Ökonominnen, dass der Anreiz zum Energiesparen durch all die Unterstützungen fehlt. Wie sehen Sie das?

Als Energieökonomin schlagen hier zwei Herzen in meiner Brust. Das Wichtigste ist jetzt, Energie zu sparen. Wir haben eine Verknappung bei Gas, bei Treibstoffen, die nicht zu leugnen ist. Und bei einer Verknappung gibt es zwei Optionen: Ausweitung des Angebots oder Reduktion der Nachfrage. Ersteres geht im Energiebereich aber nie schnell, wir können nicht über Nacht ganz viele Erneuerbare bauen, obwohl das die Lösung wäre. Kurzfristig kann man nur am Hebel Nachfrage drehen und wo es nur geht sparen. Anderseits, wenn wir uns die Preisentwicklung der letzten Wochen anschauen: Das ist noch nicht bei den Endkunden angekommen. Das kommt alles im ersten Quartal 2023 auf den Energierechnungen an. Das sind Dimensionen, die nicht nur einkommensschwache Haushalte spüren. Und hier ist die Frage, wie man damit und dem Inflationsdruck umgeht. Wir müssen zwischen Energiesparen und Entlastung abwägen. Also “rock and a hard place”, Pest oder Cholera.

Österreichs Gasspeicher füllen sich gerade schnell in Richtung 80 Prozent. Aber dieses Gas ist ja nicht nur für heimische Verbraucher vorgesehen. Wo sehen Sie Schwierigkeiten beim Abrufen dieser Energie, im Falle eines totalen Lieferstopps aus Russland?

Als allerletzte Maßnahme erlaubt das Energielenkungsgesetz schon, auf dieses Gas zuzugreifen. Aber im Gasbereich sind wir auf die EU-Solidarität angewiesen. Es wäre strategisch unklug, italienischen Händlern das Gas, das sie in Österreich eingespeichert haben, wegzunehmen. Dann kann es nämlich passieren, dass uns der Zugang zu den LNG-Routen über Italien gekappt wird. Mit der strategischen Gasreserve von 20 Terawattstunden (die tatsächlich nur für den österreichischen Markt vorgesehen sind, Anm.), haben wir uns aber schon eine nennenswerte Menge gesichert.

Wird Energie jemals wieder so billig, wie sie bis vor einem Jahr war?

In einem absehbaren Zeitraum wohl nicht. Außer, es kommt ein Komplettumbruch. Ansonsten müssen wir uns auf eine verknappte Situation in den nächsten ein, zwei Jahren einstellen.

Marina Delcheva, Leitung Wirtschaft | Wiener Zeitung